• Angeline

Das kleine Berührungs-ABC

Berührung ist nicht gleich Berührung. Wenn du schon öfter berührt worden bist - und davon gehe ich aus - dann ist das keine bahnbrechend neue Information.

Aber warum ist das so? Warum fühlen sich einige Berührungen wunderschön und erhebend, andere mechanisch, kalt und irgendwie ungut an? Was ist das Geheimnis einer schönen Berührungserfahrung? Darum soll es in diesem und im folgenden Blog-Artikel gehen.




Was sich gut, richtig und schön anfühlt, ist das nicht subjektiv?

Ja und nein. Natürlich hat jeder Mensch Vorlieben. Die einen lieben es, stundenlang den Kopf gekrault zu bekommen, bei anderen rollen sich dabei die Fußnägel hoch. Manche lieben es, über kurze stoppelige Haare zu strubbeln, andere schüttelt bereits der Gedanke an dieses Gefühl. Was wir mögen ist individuell. Wir wollen, was wir wollen. Bei Berührung geht es jedoch nicht nur um das WAS sondern vor allem auch um das WIE. Wir alle kennen Berührungen, die unser Herz öffnen und eine Sehnsucht nach mehr in uns entstehen lassen. Und wir kennen das Gegenteil, z.B. lieblose Massagen, bei denen mechanisch ein Programm runter massiert wird und man sich wie ein herumgewalktes Stück Teig fühlt. Ja, die Muskeln wurden fachmännisch berührt und doch… etwas zieht sich in uns zusammen, wir fühlen uns shitty und irgendwie … ungeliebt.

Doch woher kommt dieses unterschiedliche Empfinden?

Ich möchte dir in diesem Artikel mehrere Begriffe und Konzepte näher bringen, die hoffentlich etwas Licht ins Dunkel bringen und die eng mit dem Erleben von Berührung verknüpft sind. Diese sind: Berührungsqualität, Berührungserleben, absichtslose Berührung und bedingungslose Berührung.


Berührung - eine Definition

Berührung wird als Stimulierung der Haut durch thermale, mechanische, chemische oder elektrische Reize definiert. All diese Reize rufen Veränderungen in der Haut hervor, die uns Empfindungen wir Druck, Wärme oder Vibration vermitteln.


Was noch immer unterschätzt wird: Berührung ist ein entscheidender Teil unserer Kommunikation und keine andere Art der Verständigung verläuft so schnell und direkt. Schon flüchtige Berührungen können eine ähnlich große Bandbreite an Emotionen und Signalen transportieren wie unser Gesichtsausdruck. Die Forschung entdeckt erst langsam wie viel wir mit Hilfe unserer Haut empfangen, transportieren, ausdrücken, erleben und erfahren.

Berührung ist die erste Sprache, die wir lernen und bleibt zeitlebens eine unserer reichsten Ausdrucksmöglichkeiten.


“Touch comes before sight, before speech. It is the first language and the last, and it always tells the truth.” - Margaret Atwood

Berührungsqualität

Berührungsqualität können viele Menschen nicht beschreiben oder erklären jedoch durchaus fühlen. Sie erkennen einen Unterschied zwischen lieblosem Herumgeknete und achtsamer Berührung. Letztere ist leider Mangelware. Manche haben sie noch nie, viele schon lange nicht mehr erfahren. Erleben Menschen Berührungsqualität, sind sie oft tief bis in ihr Innerstes berührt. Sie fühlen, dass wirklich sie gemeint und etwas Besonderes sind. Berührungsqualität zeichnet sich durch die Vermeidung von oberflächlichen, abgehackten, fliehenden, hastigen oder mechanischen Bewegungen aus sowie durch das Vermeiden von andauender Wiederholung ein und derselben Berührung/Bewegung der immer gleichen Stelle.

Berührungsqualität entsteht durch das Praktizieren von Präsenz, Achtsamkeit, Absichtslosigkeit und durch eine liebevolle Grundeinstellung. Sie ist das Ergebnis von umfassender Praxis, die zu intuitiver Körperkommunikation führt. Berührungsqualität kann nur dann entstehen, wenn dem Gebenden die Berührungen Freude machen. Damit sind Techniken, die erlernt wurden (wie z.B. Massage) nur der verlängerte Arm der inneren Einstellung.

Berührungserleben - die Übertragung von Absichten und Motiven

Berührungserleben entsteht aus der Verbindung zwischen der eigentlichen Berührung und dem damit verknüpften Motiv, welches sich (auch unbewusst) auf den Empfänger überträgt.

Berührungen können die schönsten Glücksmomente hervorrufen oder abstoßend, ja sogar verletzend sein, bis hin zu Schmerz und Folter. Sie können in schlimmsten Falle dazu benutzt werden, um Menschen zu zeigen, dass sie nicht die Kontrolle haben, um sie klein zu machen oder Machtspiele zu spielen. Sie können bestenfalls Wertschätzung und Respekt vermitteln, aufbauend wirken und Liebe und Zuneigung transportieren.

Motive und Absichten übertragen sich, denn unser Körper verfügt über eine ihm innewohnende Weisheit. Er spürt selbst verborgene Absichten und nimmt wahr, ob die angebotene Umarmung, Massage oder Kuscheleinheit wirklich ein bedingungsloses Geschenk oder z.B. ein Absaugen von Energie ist und reagiert dementsprechend mit Ab- oder Hinwendung, mit An- oder Entspannung. Auch kann sich unbewusst Bedürftigkeit (Berührungsmangel oder -hunger) vom Gebenden auf den Empfänger übertragen, was dazu führen kann, dass sich dieser benutzt und ausgenutzt, sogar missbraucht oder vergewaltigt fühlt. Auch ein das Motiv: „Ich massiere dich, um dich ins Bett zu kriegen.“ überträgt sich.

Deshalb sind Berührungsqualität und Intention beim Berühren so immens wichtig. Berühren wir den Menschen wirklich gern oder fühlen wir uns vielleicht von ihm abgestoßen? Berühren wir ihn, weil wir ihm bedingungslose Berührung schenken wollen oder nur, weil wir es selbst genießen, diesen Menschen und seine Haut anzufassen? Die unterschwellige Agenda überträgt sich, auch wenn das dem Empfänger nicht unbedingt bewusst sein muss. (Die Haut eines anderen Menschen zu genießen, ist nicht falsch. Hier stellt sich die Frage ob es in der bestehenden (Berührungs-)Beziehung angemessen ist und ob beide dazu ihr Einverständnis gegeben haben.

Ein Beispiel: Wenn ich auf einer Massagebank liege um meine verspannten Schultern behandeln zu lassen, möchte ich nicht dass Gefühl haben, durch meine Haut erregend auf den/die Masseur/in zu wirken. Wenn mein Liebster mich berührt, genieße ich seinen Genuss und sein Begehren durchaus mit.)


4 Arten von Berührung

Es gibt unterschiedliche Formen von Berührung. Sie zu kennen und identifizieren zu können, ist ein wichtiger Schritt für ein gegenseitiges angenehmes Berührungsempfinden. Sowohl um zu verhindern, dass wir selbst in eine der ersten drei Arten fallen, als auch um Stop sagen zu können, wenn uns jemand auf solche Art und Weise berühren sollte. Bewusstsein schafft Klarheit und Klarheit bringt uns zu einem klar kommunizierbaren Ja oder Nein.

Hier zur Unterscheidung die unterschiedlichen Arten:

  1. erstickende Berührung: „Du bist mein Eigentum, ich nehme mir, wann und was ich will. Dein Lebenssinn ist es, mir Liebe zu geben.“ → ist absolut grenzüberschreitend, wird aber oft mit Liebe verwechselt

  2. beschwichtigende Berührung: „Sei nicht verletzt, weil ich damit nicht umgehen kann. Nicht weinen, alles ist gut.“ → der Schmerz der Anderen kann nicht ausgehalten werden, weil der eigene Schmerz nicht gefühlt werden will

  3. verführerische Berührung: „Ich bekomme über Sexualität Bestätigung von dir. Ich berühre dich, um deine sexuelle Erregung und damit mich selbst zu spüren.“ → durch diese Art von Berührung kann sich der Empfänger vergewaltigt, missbraucht und benutzt fühlen

  4. liebevolle Berührung: „Ich bin für dich da. Ich habe keine Erwartungen oder Bedingungen, die du erfüllen musst.“ → diese Art von Berührung ist ein Geschenk. Empfängt man sie (besonders Kinder) entwickelt man einen hohen Selbstwert und eine große Fähigkeit zur Empathie. Man wird beziehungsfähig und es fällt leicht Kontakt und Nähe aufzubauen. Weitere Kriterien für ein angenehmes Berührungserleben können die absichtslose und die bedingungslose Berührung sein.


Absichtslose Berührung

Im Zusammenhang mit Tantra, Kuscheln und Berührung allgemein wird immer wieder von absichtsloser Berührung gesprochen. Was ist damit gemeint? Absichtslose Berührung meint einen Zustand des Flows, indem die Berührungen aus der Körperintelligenz heraus, ganz intuitiv und spontan passieren. Man lässt mehr geschehen, als dass man aktiv etwas tut. Kein Plan lenkt, keine konkrete Idee wird umgesetzt, der Kopf ist nicht involviert. Es gibt höchstens noch eine Beobachterinstanz, die nur eingreift, wenn etwas aus dem Ruder gerät oder korrigiert werden sollte. Dieser Flow-Zustand kann nur entstehen, wenn wir viel praktiziert haben, wenn unser Körper auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann und wenn wir in der Lage sind, unsere persönliche Agenda loszulassen. Wir sind einfach - wortwörtlich. Geraten alle Beteiligten in diesen absichtslosen Zustand, entsteht eine ganz eigene Magie, die sich leicht, schwebend, einfach und zeitlos anfühlt.

Im sexuellen Kontext (z.B. Tantra) meint es einen Zustand, frei von Erwartungshaltung und Ergebnisorientierung (hin zu bestimmten Zuständen wie z.B. dem Orgasmus). Die Berührungen fließen entspannt und natürlich, können jedoch durchaus sexuell aufgeladen sein. Im Kuschelkontext meint es jedoch von jeglicher sexueller Intention befreite Berührung. Die Berührungen sollen nicht erregend sein, sollen keinen sexuellen Zustand erzeugen, sondern im Gegenteil, einen nichtsexuellen ganz entspannten Raum eröffnen. Absichtslose Kuscheltherapie gibt es meines Erachtens nach nicht, denn die Arbeit von Kuscheltherapeuten besteht nicht nur im Berühren allein. Sie besteht auch darin durch die Berührung Liebe, Geborgenheit, Wertschätzung, Sicherheit, Angenommensein und Respekt zu vermitteln. Diese Absicht liegt wie eine Metaebene über der Handlung auch wenn sie nicht offensichtlich in die Handlung selbst mit einfließt. Sie dirigiert die Kuscheltherapeuten unbewusst und beeinflusst im Idealfall deren Intuition bzw. inspiriert die Berührungen.

Bedingungslose Berührung

Die schönste Berührung ist bedingungslos. Es ist liebevolle und achtsame Berührung, die nicht an Bedingungen oder Forderungen geknüpft ist. Der berührte Mensch muss nichts Besonderes leisten, sein oder zurückgeben. Er darf Berührung genießen, einfach nur weil er ein menschliches Wesen ist.

Es ist mir ein Herzensanliegen dass immer mehr Menschen in der Lage sind, ihren Nächsten und Liebsten liebevolle Berührung angedeihen lassen zu können.

Ich hoffe, ich konnte dich dazu inspirieren, dich weiter und tiefer mit diesem umfangreichen Thema auseinanderzusetzen und mehr Berührungsmagie in dein Leben zu einzuladen.

Um das konkrete WIE: Übungen, Lernmöglichkeiten und Berührungsvariation soll es in meinem nächsten Artikel gehen: Werde ein/e Berührungsgott/göttin. Fühl dich umarmt Angeline

„Massieren ist etwas, das du zwar anfangen kannst zu lernen, aber du kommst nie an ein Ende. Es geht immer weiter und weiter … Massage ist eine der subtilsten Künste – und es ist nicht einfach nur eine Sache der Kunstfertigkeit. Es ist mehr eine Sache der Liebe. Lerne die Technik – und dann vergiss sie wieder. Danach fühle nur und lass dich von deinem Gefühl leiten. Wenn dein Lernen tief geht, werden 90 % dieser Arbeit durch die Liebe geschehen, 10 % erledigt die Technik. Durch die bloße Berührung, eine liebevolle Berührung, entspannt sich etwas im Körper.“ – Osho
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